Wer sich mit dem weiten Feld von eEducation auseinandersetzt, der stößt immer wieder auf den Konnektivismus. Was genau hat es mit dieser jungen Theorien genau auf sich?

George Siemens

George Siemens – Flickr.com by Stephen Downes

Der Konnektivismus geht zurück auf den kanadischen Didaktier George Siemens und seinen Artikel “Connectivism: A Learning Theory for the Digital Age” (2005). Die Theorie zielt speziell auf digitale Lernumgebungen ab und betrachtet das Individuum nicht als isolierte Person sondern setzt sie stets in Beziehung zu seinen Netzwerken. Siemens erklärt dabei die seiner Aussage nach wichtigen Lerntheorien des Behaviorismus, Kognitivismus und Konstruktivismus nicht für obsolet. Jedoch sind sie einer technologie-fernen Zeit entwickelt worden. Die starke Durchdringung unseres Alltags durch technologische Hilfsmittel benötigt somit zwangsläufig ein Neudenken des Lernens.

Warum benötigen wir eine neue Lerntheorie? [1. Die Ausführungen beziehen sich, wie alle Aussagen zu dem Konnektivismus, auf dem Text von George Siemens]

George Siemens führt eine Vielzahl von Gründen auf, die seiner Ansicht nach ein Umdenken im bildungswissenschaftlichen Bereich benötigen.

  • Technologien haben zu einer Umgestaltung unseres privaten und beruflichen Lebens geführt.
  • Informelles Lernen hat einen hohen Bedeutungszuwachs erfahren.
  • Halbwertszeit von Wissen sinkt rapide. [2. Das bedeutet, das Wissen sich in den letzten Jahren enorm vermehrt hat. Auf Grund der Verfügbarkeit und Überprüfbarkeit von Wissen sinkt die Zeitspanne, in der Wissen überholt ist.]
  • Lernende bewegen sich in immer weniger vordefinierten, vorhersagbaren Lebenswegen – beruflich wie privat. Lernen findet zudem auf verschiedenen Wegen statt und ist nicht an einige wenige Bildungsinstitutionen und an eine gewisse Zeit – lebenslanges Lernen – gebunden.
  • Technologie verändert die Art und Weise wie wir denken.
  • Bisher bekannt-bewährte Lernmethoden können nur technologisch unterstützt stattfinden.
  • Das “Wie” und “Was” des Wissen wird durch das “Wo” ergänzt. [3. Hiermit wird dem Umstand Rechnung getragen, das wir vielmehr wissen müssen, wo wir Wissen finden.]

Siemens nimmt zusätzlich Bezug zu Driscoll [4. Driscoll, M. (2000) – Psychology Of Learning For Instruction] und definiert Lernen als eine permanente Änderung der menschlichen Leistung und seines Leistungspotenzials. Diese Definition kommt bei näherer Betrachtung nicht ohne Elemente der oben aufgeführten Lerntheorien statt. Wissen ist dabei ein komplexer Begriff, der durch eine nahezu undurchschaubare Verquickung von Erfahrungen und Lerninhalten das Ziel eines großen Lernprozesses ist. Siemens kritisiert dabei gängige Lerntheorien, das sie

  1. Lernen als nahezu technischen Prozess  begreifen (Kognitivsmus),
  2. Wissen rein aus eigenen Erfahrungen destillieren (Konstruktivismus) oder
  3. Wissen als externen Prozess verstehen (Behaviorismus).

Zudem lassen diese Theorien den sozialen Aspekt des Lernens zumeist außen vor und verankern Lernen fest mit einer einzelnen Person.

Konnektivismus – eine alternative Theorie

Unsere Gesellschaft befindet sich einem digitalem Wandel. Damit einher geht eine Technologisierung des Lernens, Vernetzung und Interaktion rücken stärker in den Fokus und benötigen neue Kompetenzen. In diesen ist eine hohe Fähigkeit zur Selbstorganisation und Veränderung impliziert. Lernen ist ein dynamischer Prozess, der sich seiner Umgebung anpassen muss und somit den Lernenden stets vor neue Herausforderungen stellt. Privat und beruflich knüpft, überprüft und verwirft das Individuum Beziehungen, immer angepasst an seine aktuelle Lebenssituation. Dieses Prinzip muss auf nach Siemens auf das digitale Lernen übertragen werden. Auch hier spielen reale und virtuelle Verbindungen eine wichtige Rolle, da man somit auf wichtige Wissens- und Ressourcenquellen zugreifen kann.

Der Mensch ist nichts ohne seine Beziehungen – diese geflügelten Worte lassen sich somit gut auf den Lernenden übertragen. Durch Vernetzung entstehen neue Beziehungen und Netzwerke, diese wiederum eröffnen den Zugriff auf neue Quellen und Ressourcen. Der Erfahrungs- und Lernhorizont wird erweitert, das Individuum kann sich weitere spezialisieren und entwickeln – es lernt und generiert Wissen. Hierbei können eine Vielzahl an themenspezifischen Netzwerken verschiedenster Größen entstehen. Siemens betont dabei die Bedeutung von schwachen Bindungen, die einen kurzen Zugangsweg zu Informationen und Ressourcen darstellen, ohne persönlich besonders eng verbunden zu sein.

Der Konnektivismus verbindet dabei die mitunter chaotisch anmutenden Strukturen der Wissensentwicklung, der individuellen Netzwerke und Bindungen, die Komplexität des Wissen und die Selbstorganisation des Lernenden. Der Konnektivismus geht dabei von einer steten Veränderung der Parameter aus, permanent strömen neue Einflüsse auf den Lernenden ein, wichtige und unwichtige Daten müssen getrennt werden.

Was sind die Grundannahmen des Konnektivismus nach Siemens?

  • Lernen und Wissen basiert auf vielfältigen Meinungen
  • Lernen ist ein Prozess des Verbindens zu relevanten Netzwerken und Informationsquellen. Diese Verbindungen müssen gepflegt und aufrecht erhalten werden.
  • Das Erkennen von Querverbindungen zwischen Ideen, Theorien und Konzepten ist eine wichtige Kompetenz.
  • Die Entscheidungsfindung in dem dynamischen Lernfeld ist selbst als Lernprozess zu begreifen. Wohin wende ich meinen Blick, mit welcher Grundlage beschäftige ich mich – obwohl dieses Wissen in naher Zukunft schnell überholt sein kann?
  • Up-To-Date sein als Währung des Lernenden

Neben der Relevanz für den individuellen Lernenden spielt der Konnektivsmus auch für Organisationen und Bildungswissenschaftler eine hohe Rolle, auf die an dieser Stelle jedoch nicht weiter eingegangen werden soll.

Siemens sieht in dem persönlichen Netzwerk und den damit einhergehenden Ressourcen sowie der Kompetenz der Selektion den Ausgangspunkt des Lernprozesses. Von hier ausgehend kann sich das Individuum selbstorganisierte und -gestaltete Lernumgebungen schaffen, die den eigenen Bedürfnissen entsprechen und das eigene Wissen vertiefen und vermehren. Dies benötigt, wie weiter oben aufgeführt, in hohem Maßen Fähigkeiten im Bereich des persönlichen Wissensmanagements. Man muss geeignete Wissensquellen sondieren und herausfiltern, um sie anschließend in eigene Lernumgebungen zu integrieren.

Persönliche Einschätzung

Ich gehe mit Siemens dahingehend völlig übereins, das der gesellschaftliche und technologische Wandel zu einem Umdenken führen muss. Das dies auf der privaten und beruflichen Ebene ebenso geschehen muss wie im bildungswissenschaftlichen Bereich, steht völlig außer Frage.

Es mutet dabei schwierig an zu glauben, das die Inhalte des Lernens dabei von der Leitung / Übermittlungsform, über die wir diese Inhalte erhalten, in ihrer Bedeutung und Wichtigkeit überholt werden. Im Kern geht es bei jedem Lernprozess darum, wie man auf persönlicher Ebene Lerninhalte rezipiert, verarbeitet und in eigene Muster und Strukturen überführt. Dabei spielen sowohl didaktische Methoden als auch der Zugang zu Wissen (über die verschiedene Netzwerke) eine große Rolle. Zudem ist es höchst individuell, wer welche Methoden präferiert. Zudem ist es, meinem Kenntnisstand nach, noch nicht sicher erwiesen, wie sich unser Denken durch Hinzunahme von digitalen Medien verändert.

Nichtsdestotrotz muss man eben diese digitale Medien in die Lehre mit einbeziehen, da sie ein hohes Potenzial der Interaktion, Kommunikation und Vernetzung mit sich bringen und somit dem Lernenden und Lehrenden neue Perspektiven und Horizonte erschließen. Die Bedeutung von Netzwerken wird dabei zunehmen, da man vielfältiges Wissen nicht mehr vollständig in einer Person vereinen kann. Hier benötigt es der Kompetenzvermittlung, wie man Netzwerke für Informationsgewinnung aufbauen und pflegen kann. Meiner Erfahrung nach benötigt es dabei zudem spezieller Fähigkeiten, individuell relevante Informationen von “überflüssigen Ballast” zu trennen, ansonsten kann man schnell im Informationsüberfluss den Überblick verlieren.

Der Konnektivismus steht, wie auch der Einsatz digitaler Technologien, wohl noch am “Anfang” und wird in den kommenden Jahren stets weiter überprüft und entwickelt werden.  Dies ist dem dynamischen Themenfeld geschuldet, das einen Stillstand hier gar nicht mehr zu lässt.  Dass George Siemens einen wichtigen, nötigen Denkanstoß für das Lernen im 21. Jahrhundert geliefert hat, steht dabei außer Frage.

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