Vilem Flusser

Im Verlauf des Masterstudiums eEducation nehmen wir die menschliche Kommunikation und deren Veränderung durch den technischen Fortschritt unter die Lupe. Bekannte Theorien werden untersucht und in Bezug zur computervermittelten Kommunikation gesetzt. In einem ersten Schritt möchte ich nun die Kommunikations- und Medientheorie von Vilém Flusser einführend vorstellen.

Vilém Flusser (1920 – 1991) war ein Medienphilosoph und Kommunikationswissenschaftler, der eine makrosperspektivische Kommunikations- und Medientheorie entwickelte, die stark von seinem Erleben des Wandels eines TV- hin zu dem Computerzeitalter geprägt war. Er führte die bedeutenden Begriffe Kommunikologie, Diskurs und Dialog in die theoretische Diskussion ein (vgl. Hartmann, 2013). Vilém Flusser legte mit seinen Gedanken den Grundstein zur theoretischen Auseinandersetzung mit der Wirkung und den Möglichkeiten des Internets, ohne dieses auf Grund seines Todes unmittelbar mitzuerleben.

Flusser’s Theorie liegt das Bild einer Gesellschaft zu Grunde, die mit einem Informationen speicherndem und Informationen erzeugendem Gewebe zu vergleichen ist (Flusser, 1997). Informationen werden auf der Basis eines vorherrschenden Code-Systems, z.B. das Alphabet, erzeugt und gespeichert. Das Erkennen des Inhalts einer Information basiert auf dem Kennen des Codes, mit dem diese Informationen verschlüsselt und übertragen werden. Für Flusser sind Medien Apparate, die uns durch ihre Programmierung in ein bestimmtes Verhältnis zu der umgebenden Welt setzen, diese durch das zwischengeschaltete Programm jedoch nur verzerrt darstellen. Dieser Umstand bedeutet, dass nicht nur die vermittelnden Medien sondern auch die technischen Apparate als Theoriegegenstand anzusehen sind (vgl. Flusser, 1997).

Vilém Flusser entwickelte ein 5-stufiges Modell der historischen Medienentwicklung. Die Medienentwicklung hat sich stets entlang der genutzten und weiterentwickelten MedienkulturCodes vollzogen. Innerhalb dieses Modells differenziert Flusser die diskursiven und dialogischen Medien. Der Diskurs wird dadurch gekennzeichnet, dass verfügbare Informationen verteilt werden (Bröcking, 2012, S.50). Diese lineare Vermittlung ist „tendenziell hierarschisch und autoritär“ (Hartmann, 2013, S.67). Zur Veranschaulichung für diskursive Medien kann das Fernsehen herangezogen werden. Die Ressourcen und Fähigkeiten, Informationen aufzubereiten und zu verteilen, liegen in den Händen von wenigen Sendern, den Rundfunkanstalten. Die breite Masse der Zuschauenden sind die Empfänger, die die verbreiten Informationen aufnehmen und speichern. Die Empfänger sind auf die Sender angewiesen und sind der Selektion, aber auch der Manipulation von Informationen ausgeliefert.

Im Gegenzug zu diskursiven Medien entstehen bei dialogischen Medien durch die Synthese von bestehenden Inhalten neue Informationen. Diese basieren auf dem Austausch von Botschaften. Durch diesen partizipativen Charakter können neue Codes und neue Strukturen entstehen (Hartmann, 2013, S.67). Flusser hat zu Lebzeiten zwei Entwicklungen identifiziert, welche diese Strukturen ermöglichen: „die Computer und die Netzstruktur“ (ebenda, S.67).

BRÖCKING sieht in den von Flusser eingeführten Netzgedanken die Chance, „den medialen Alltag von der einseitigen Kontrolle durch Massenmedien und diskursive Institutionen (zu) befreien“ (2012, S.135). Damit ist gemeint, dass die Grenzen der geringen Teilhabe eines starren, auf einer linearen Sender-Empfänger-Logik basierend, diskursiven Systems überwunden werden. Die passiven Empfänger werden durch den technologischen Fortschritt in die Position gebracht, an der Genese von Informationen zu partizipieren und sich somit aus der medialen Abhängigkeit von wenigen Sendern zu befreien. Dies lässt sich sehr gut an den Entwicklungen des Internets verdeutlichen, welches gesellschaftliche Teilhabe und eine politische Gegenöffentlichkeit entstehen lässt.

In dem nächsten Artikel werde ich näher auf die Aktualität von Flussers Theoriekonstrukt und dies anhand von Lehr-Lernprozessen anschaulich darstellen.

Literatur

Bröcking, G. (2012). Das handlungsfähige Subjekt zwischen TV-Diskurs und Netz-Dialog. München: Kopaed Verlag

Flusser, V. (1997). Medienkultur (5. Auflage 2008). Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag

Hartmann, F. (2013). Medien- und Kommunikationstheorien. Hagen: FernUniversität in Hagen