In einem früheren Artikel habe ich einführend die Kommunikations- und Medientheorie von Vilém Flusser umschrieben. In diesem Artikel soll es nun um einen Transfer hin zu aktuellen Lehr-Lernprozessen gehen und überprüft werden, inwieweit diese Theorie heute Gültigkeit besitzt. 

Wir befinden uns aktuell in einer mediatisierten Gesellschaft, die sich zwischen einer Massenmedienkultur und einer visionären Netzkultur positionieren lässt. Im Flusserschen Sinne befinden wir uns in einer Netzwerk-Gesellschaft zwischen Diskurs und Dialog (vgl. Bröckling, 2012). Diese massiven Umwälzungen lassen sich anhand Flussers Theorie sehr gut am Beispiel von Lehr-Lernprozessen darstellen.

Übertrag man den Gedanken des Diskursgedanken von Vilém Flusser auf Lehr-Lernprozesse, so entsteht folgendes Bild: zwischen Lehrenden und Lernenden findet man eine lineare Kommunikationsstruktur vor. Lehrende geben den zu vermittelnden Lerninhalt an die Lernenden weiter. Dieser Prozess sieht keine Rückkopplung vor, die Lernenden sind auf die vermittelten Inhalte angewiesen und müssen in Sachen Relevanz, Aktualität und Qualität auf die Selektion der Lehrenden vertrauen. Lernende haben hier nur wenig Einfluss auf den eigenen Lernfortschritt, da sich dieser an allgemeingültigen Verteilungsstrukturen orientieren muss. Dieser Lerndiskurs stellt den Lehrenden in den Mittelpunkt, da dieser die Kommunikation innerhalb eines Lehr-Lern-Prozesses dominiert. In diesem Szenario ist es schwer möglich, auf individuelle Bedürfnisse und Ressourcen der Lernenden einzugehen. Vergleicht man dies mit dem Bild eines Fernsehers, so gibt es nur wenige Möglichkeiten, dass sich Lernende untereinander vernetzen und diesen Kommunikationsprozess aktiv mitgestalten können. Lehrende erhalten auf Grund des starren Kommunikationskorsetts keine Rückmeldung über den aktuellen Fortschritt der Lernenden und können dadurch die eigenen Methoden und Inhalte nicht dynamisch an dem Bedarf von eben diesen anpassen.

Greift man Flussers Bild eines dynamischen Gewebes auf, welches durch Kommunikation neue Informationen, Codes und kulturelle Praktiken generiert (Flusser, 1997), so ist dieses auf Grund einer diskursiven Kommunikationsstruktur gehemmt und kann nur sehr schwerfällig neues Wissen erzeugen.

Durch das Aufkommen neuer technischer Geräte und der Entwicklung des Internets bricht diese Diskursstruktur langsam auf und wandelt sich in Richtung des von Flusser postulierten Netz-Dialogs (vgl. Bröcking, 2012). Computervermittelte Kommunikation setzt sich verstärkt in der Gesellschaft durch und hat somit auch unmittelbare Auswirkungen auf Lehr-Lernprozesse.

Die vielfältigen Methoden, von der Email bis hin zur Videotelefonie, lassen eine neue Kommunikationskultur entstehen, die den Lernenden aktiver in den eigenen Lernprozess einbindet. Der Austausch zwischen den handelnden Subjekten wird verstärkt. Diese Teilhabe hat zur Folge, dass sich Lehrende und Lernende in einem dynamischen Prozess befinden und gegenseitig aufeinander einwirken. Lehrende sind informierter bezüglich des Fortschritt der Lernenden und können diese aktiver in den individuellen Lernprozess einbinden. Zeitgleich werden Inhalte und Methoden überprüfbarer und Lehrende müssen diese stets bezüglich ihre Wirksamkeit und Angemessenheit hinterfragen und gegebenenfalls anpassen. Durch diese Rückkopplung werden auf beiden Seiten auf Grund der veränderten Kommunikation Lernprozesse angestoßen (vgl. Arnold et. al., 2013). Beide Parteien können kommunikative Prozesse gemäß individueller Bedürfnisse gestalten und haben Einfluss auf die beteiligten Sinneskanäle, die (A)Synchronität sowie die Anzahl der Empfänger.

Computervermittelte Kommunikation lässt informationsorientierte Lernnetzwerke und emotionale Beziehungen entstehen (vgl. Meyer et. al.), die sich positiv auf individuelle Lernprozesse und dem übergeordneten sozialen System auswirkt. Die Gesellschaft – in Anlehnung an Flussers Idee des pulsierenden Gewebes – kann somit durch Austausch und Interaktion neue Inhalte und Codes produzieren und setzt somit eine Wissensmehrung in Gang.

Literatur

Bröckling, G. (2012). Das handlungsfähige Subjekt zwischen TV-Diskurs und Netz-Dialog. München: Kopaed Verlag

Flusser, V. (1997). Medienkultur (5. Auflage 2008). Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag

Schmiedel, S., Krippner, M., Meyer, J. & Pietschmann, D. (Jahr unbekannt). e-Learning Modul. Computervermittelte Kommunikation. Verfügbar unter: http://www-user.tu-chemnitz.de/~pida/neuemedien/ [03.11.2013]